Donnerstag, 16. Oktober 2014

Erst ab 60 Jahren sind wir emotional auf der Höhe

Etwas Positives auch einer unglücklichen Situation abgewinnen können, sich einfühlen können in andere Menschen, besonders in die Benachteiligten dieser Welt, bereit sein, sich um Andere zu kümmern - all diese lobenswerten Eigenschaften und Fähigkeiten besitzt man erst im höchsten Maße, wenn man sein siebtes Lebensjahrzehnt beginnt.

Dies fand ein US-Forscherteam in mehreren Studien heraus, die im Laufe der letzten Zeit erschienen sind. "Zunehmend, so scheint es, kreist das spätere Leben um soziale Beziehungen und die Fürsorge für andere, aber auch darum, von anderen umsorgt zu werden", erklärt Robert Levenson von der University of California at Berkeley. "Die Evolution hat unser Nervensystem so eingerichtet, dass wir für diese Empathie- und Mitleids-Aktivitäten optimal gerüstet sind, wenn wir älter werden."

Forschung: Für eine Studie, die in der Fachzeitschrift "Psychology and Aging" erschienen ist, haben die Forscher 144 Erwachsene in ihrem dritten, fünften und siebten Lebensjahrzehnt traurige, eklige und neutrale Szenen aus verschiedenen Filmen sehen lassen. Die Versuchspersonen sahen zum Beispiel eine Szene aus dem mexikanischen Film "21 Gramm", wo eine Mutter vom Unfalltod ihrer Töchter erfährt, und sie sahen Szenen aus der Ekel-Show "Fear Factor". Die Versuchspersonen wurden aufgefordert, die gezeigten Filmszenen entweder mit möglichst großer Distanzierung anzuschauen, oder sich in die Szenen einzufühlen, wobei sie auch eine positive, lebensbejahende Perspektive finden sollten, oder die Filme mit der Unterdrückung aufkommender Handelsimpulse zu betrachten. Die Forscher maßen während der Filmvorführungen den Blutdruck, Herzschlag und die Atmung der Probanden, um zu sehen, wie die Filme tatsächlich auf die Probanden wirkten.

Auswertung: Es zeigte sich, dass die Versuchsteilnehmer, die altersmäßig in den 60ern waren, am besten bei der Aufgabe abschnitten, sich in die gezeigte Handlung einzufühlen und ihr auch im Unglück etwas Positives abzugewinnen. Die jüngeren Versuchspersonen kamen am besten mit der Aufgabe zurecht, die gezeigten Handlungen nicht zu sehr an sich selbst herankommen zu lassen. Alle Versuchspersonen erwiesen sich als etwa gleich gut geübt darin, Handlungsimpulse beim Sehen schrecklicher Filmszenen zu unterdrücken. Diese Methode, mit einem gesehenen Filminhalt fertig zu werden, ist den amerikanischen Forschern zufolge aber nicht sehr gesund.

Weitere Forschung: In einer anderen Studie von Levenson und Kollegen, erschienen in der Zeitschrift "Social Cognitive and Affective Neuroscience", sahen 222 Probanden der gleichen Altersklassen die gleichen Filmszenen wie in der vorigen Studie. Jetzt wurde jedoch gemessen, wie die Probanden auf die Traurigkeit einiger Szenen reagierten. Die Versuchspersonen, die 60 Jahre und älter waren, reagierten am stärksten auf diese emotional belastenden Szenen. Die Forscher konnten jedoch auch feststellen, dass die erhöhte Sensibilisiertheit für Traurigkeit kein Zeichen einer beginnenden Depression ist, sondern im Gegenteil ein Zeichen für emotionale Gesundheit.
Quelle: "Effects of aging on experimentally instructed detached reappraisal, positive reappraisal, and emotional behavior suppression", M.N. Shiota & R.W. Levenson; Psychology and Aging, 24, (09), S. 890-900.  "Greater sadness reactivity in late life", Benjamin H. Seider, Michelle N. Shiota, Patrick Whalen, Robert W. Levenson; Social Cognitive and Affective Neuroscience, (10), doi: 10.1093/scan/nsq069