Mittwoch, 20. Februar 2013

Herz-Kreislauf-Emotionen: Die Beziehung zwischen Blutdruck und Emotionen

Ein hoher Blutdruck erschwert das Erkennen von Emotionen bei anderen.
Wer unter hohem Blutdruck leidet, lebt offenbar wie unter einer "Glasglocke": Er nimmt Gefühle bei anderen nur gedämpft wahr, das haben US-Forscher jetzt in einer Studie mit 106 Freiwilligen gezeigt.

Egal, ob es sich um emotionale Gesichtsausdrücke handelt oder um die Beschreibung einer emotional aufgeladenen Situation – je höher der Blutdruck, desto schlechter konnten die Probanden das vorherrschende Gefühl erkennen und beschreiben. Was bei diesem Zusammenhang allerdings Ursache und was Wirkung ist, können die Wissenschaftler bisher nicht sagen. Es sei möglich, dass der erhöhte Druck die Durchblutung im Gehirn verändert und damit die Reaktion auf Gefühle beeinflusst. Ebenso denkbar sei, dass beides, der höhere Blutdruck und die veränderte Wahrnehmung, auf Veränderungen in einem übergeordneten Regelkreis zurückgehen und somit nur zwei Symptome eines anderen Problems sind. Auch der umgekehrte Fall sei nicht auszuschließen, dass die gedämpften Emotionen Stress erzeugen und damit den Blutdruck erst hochtreiben.

Menschen spüren im Allgemeinen nicht, wie hoch ihr Blutdruck ist. Umso mehr überrascht es daher, dass Wissenschaftler seit einiger Zeit eine unerwartet enge Beziehung zwischen bestimmten Empfindungen und dem Blutdruck vermuten. So scheint hoher Blutdruck beispielsweise mit einer verringerten Schmerzempfindlichkeit einherzugehen, und auch andere negative Emotionen wie etwa Stress sind reduziert. Und nicht nur das: James McCubbin von der Clemson University, der auch die aktuelle Studie leitete, und seine Kollegen konnten bereits vor einigen Jahren nachweisen, dass Menschen mit höherem Blutdruck auch insgesamt eigene Gefühle weniger intensiv wahrnehmen, selbst wenn es sich um positive wie Freude oder Überraschung handelt.

Die neuen Erkenntnisse erweitern das Konzept der "emotionalen Dämpfung", wie die Forscher es nennen, jetzt noch einmal. Das Team hatte dazu 106 Teilnehmer einer Langzeitstudie zum Thema Gesundheit und Gesundheitsvorsorge rekrutiert, die aus einem eher problematischen sozialen und ökonomischen Umfeld stammten und im Schnitt 52 Jahre alt waren. Bei ihnen maßen die Forscher während der Studie verschiedene Körperfunktionen wie eben den Blutdruck oder die Herzfrequenz und bestimmten zudem Merkmale wie den Body-Mass-Index, das Alter und die geistige Leistungsfähigkeit.
Alle Probanden führten zwei Tests durch: einen mit kurzen Texten und einen mit Fotos.

Im ersten sollten die Teilnehmer anhand eines Satzes wie "Fest davon überzeugt, dass seine Spieler nichts falsch gemacht haben, verlangt ein Trainer vom Schiedsrichter eine Erklärung für den gegebenen Strafstoß" beurteilen, welches von sieben Gefühlen die handelnde Person empfindet: Freude, Angst, Ärger, Trauer, Überraschung, Ekel oder ein neutrales Gefühl. Im zweiten Teil bekamen sie dann 35 Fotos von Gesichtern gezeigt und sollten ebenfalls angeben, welche der Emotionen zu sehen ist. Das Resultat: Selbst wenn Einflussfaktoren wie das Alter oder das Körpergewicht herausgerechnet waren, hingen Blutdruck und die Fähigkeit, Gefühle zu erkennen, eindeutig zusammen. Je höher die Werte, desto schlechter schnitten die Probanden bei den Tests ab.

Erklärungen dafür gebe es eine ganze Reihe, die sich zudem nicht unbedingt gegenseitig ausschließen, erläutern die Forscher. Neben einem direkten Einfluss auf das Gefühlszentrum im Gehirn durch eine veränderte Durchblutung könnte die Dämpfung beispielsweise ein Marker für eine körperliche Veränderung sein, die auch der falschen Blutdruckregulation zugrunde liegt. Umgekehrt sei es auch denkbar, dass die Unempfindlichkeit gegenüber den Gefühlen anderer zu sozialem Stress führt, etwa weil man die feinen Schwingungen in einem Gespräch nicht bemerkt oder andere unabsichtlich vor den Kopf stößt. Das wiederum könne den Blutdruck hochtreiben und damit das Problem noch verschärfen. Anm.: Wie genau die Kopplung zustande kommt, sollen nun weitere Studien klären.
Quelle: James McCubbin (Clemson University) et al.: Psychosomatic Medicine, Online-Vorabveröffentlichung, doi: 10.1097/ PSY.0b013e318235ed55// 
LINK: http://www.psychosomaticmedicine.org/content/early/2011/10/28/PSY.0b013e318235ed55