Samstag, 24. September 2016

Opfer von Kindesmisshandlungen haben Forschern zufolge ein erhöhtes Risiko für organische Erkrankungen.

Durch ein Kindheitstrauma steigert sich das Risiko für spätere Krankheiten
Woran das liegt und was es noch zu erforschen gilt, erläutert die Psychologie-Professorin Christine Heim von der Berliner Charité. Die Klinik richtet eine Tagung zu dem Thema aus, die am Donnerstag begonnen hat.

Wie wirken Gewalt und Vernachlässigung auf die Gesundheit. Was weiß man bislang darüber? 
Dazu Christine Heim: Eine ganze Menge. In den USA und Europa ist vielfach gezeigt worden, dass Traumata und andere starke Stresserfahrungen in der Kindheit Risikofaktoren sind für eine Reihe von Erkrankungen im späteren Leben. Das wurde vor allem für Depressionen, Angststörungen und Abhängigkeiten erforscht. Aber man hat erkannt, dass es auch ein Risikofaktor ist für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfall, Diabetes, Immunerkrankungen und Krebs. ...

Was bewirken Gewalterfahrungen im Körper im Gehirn?
Christine Heim: Es scheint sich im Organismus, im Gehirn, im Immunsystem durch das Kindheitstrauma etwas zu verstellen, das anfälliger macht für bestimmte Erkrankungen. Unser Gehirn verarbeitet ja den Stress und wird massiv durch Erfahrungen geformt. Die Genetik gibt den Bauplan vor, aber was an Schaltkreisen ausgebildet wird, hängt von den Erfahrungen ab. Emotionale Erfahrungen und Stress früh in der Entwicklung eines Kindes können zum Beispiel genau diese Schaltkreise programmieren, die an der Anpassung an Stress beteiligt sind.

Wann, in welchem Alter zeigen sich Folgen der negativen Kindheitserfahrungen?
Christine Heim: Frühe Stress- oder Traumaerfahrungen verändern den Schwellenpunkt im Gehirn und im Körper für weitere Stressreaktionen: Die Personen werden später selbst bei schon geringerer Belastung beispielsweise eher depressiv. Nach der Pubertät und im Erwachsenenalter kommen weitere Faktoren hinzu, so dass Krankheiten ausgelöst werden. Es gibt nur wenige Studien mit traumatisierten Kindern, die über die Zeit hinweg begleitet werden. Dabei wurden größtenteils keine biologischen Marker gemessen. Einige Kinder bleiben ja auch trotz eines Traumas gesund. Wenn wir die Ursachen besser verstehen würden, könnten wir neue Maßnahmen ableiten, um die Anpassungen zu reparieren, bevor die Krankheit auftritt. Denkbar sind medikamentöse Ansätze und Verhaltenstherapien. Da muss die Forschung hin. (Anm.: Frühzeitiges, tiefgreifendes Desensibilisieren, erlernen von entsprechenden angstauflösenden Entspannungstechniken, Tiefen-Meditationstechniken, können hier eine große Hilfe sein.)
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Hinweis zur Person: Professorin Christine Heim ist Direktorin des Instituts für Medizinische Psychologie an der Berliner Charité. Sie forscht unter anderem zu den Folgen früher Stressreaktionen. 
Quelle: Prof. Christine Heim von der Berliner Charité
Quelle-Anm.: IPN-Forschung