Samstag, 5. November 2016

Nahtod- Pim van Lommel im Interview: "Bewusstsein entsteht nicht im Gehirn"

Jahreskongress Spiraldynamik® "Alternativen? Geht doch!" am 12.11.2016 in Zürich (pts006/12.10.2016/06:45)
Die Erforschung von Nahtoderfahrungen steht erst ganz am Anfang. Man weiß zwar noch nicht, wie und warum sie entstehen. Sicher ist aber: "Bewusstsein braucht kein funktionierendes Gehirn", sagt der holländische Kardiologe und Nahtod-Forscher Dr. Med. Pim van Lommel.
Van Lommel ist Referent am Spiraldynamik® Kongress 12. November 2016 in Zürich.

Wie sind Sie dazu gekommen, Nahtoderlebnisse wissenschaftlich zu untersuchen?
Copyright: Pim van Lommel
Pim van Lommel (PvL): In meinem Beruf habe ich sehr viele Menschen wieder belebt - alle waren froh, auch ich als Arzt. Alle, außer die Patienten mit einer Nahtoderfahrung (NTE). Sie wollten am Liebsten "dort" bleiben. Das hat mich neugierig gemacht. Ich hatte ja in der Universität gelernt, dass wenn man bewusstlos ist, man auch kein Bewusstsein mehr haben kann. Nachdem ich 1986 ein Buch über NTE gelesen hatte, habe ich begonnen, meine Patienten systematisch zu befragen, ob sie sich an etwas erinnern konnten. Zu meiner großen Überraschung berichteten innerhalb von zwei Jahren von rund meiner 50 Patienten zwölf von einer NTE. Das war für mich der Auslöser, wissenschaftliche Studien durchzuführen.

Was ist eigentlich eine Nahtoderfahrung?
Nahtoderfahrungen können auftreten, wenn der Atem aussetzt, das Gehirn nicht mehr funktioniert und keine Körperreflexe und Hirnstammreflexe zu messen sind. Man kann also klinisch keine Lebenszeichen mehr feststellen. Und trotzdem haben Menschen ein klares Bewusstsein. Sie beschreiben die Vorgänge, die passierten, während sie klinisch tot waren. Manche Berichte sind auch überprüfbar. Wir hatten einmal einen Patienten im Koma, dem ein Krankenpfleger die Zahnprothese herausgenommen hatte, um den Beatmungsschlauch einzuführen. Als der Patient eine Woche später aus dem Koma erwachte, erkannte er sofort den Pfleger wieder und sagte: "Sie wissen, wo meine Zahnprothese ist!" ...


Was erleben die Patienten in dieser Zeit?
PvL: Die Erlebnisse sind sehr unterschiedlich: Manche sehen ein helles Licht am Ende eines Tunnels, manche hören Musik, andere berichten von schönen Landschaften oder erleben einen tiefen inneren Frieden. Ab und zu berichten die Patienten von einer außerkörperlichen Erfahrung. Sie betrachten sich selbst von oben und beobachten zum Beispiel die Notoperation, die ihnen das Leben rettet.

Was sind ihre Erfahrungen nach der Rückkehr?
PvL: Die Menschen erleben eine Änderung, die ihr ganzes Leben andauert. Sie haben keine Todesangst mehr. Sie haben andere Ansichten vom Leben, der Liebe für sich selbst und andere, sie spüren eine große Liebe zur Natur, fühlen sich verbunden mit allem. Viele haben auch eine erhöhte intuitive Sensibilität. Das ist sehr schwierig für die Menschen, weil sie plötzlich Informationen von anderen bekommen, die man eigentlich nicht wissen kann. Zum Beispiel fühlt man ihren Schmerz, oder weiß, wann Menschen sterben werden. Manche können sogar in die Zukunft schauen, meistens in Träumen. Sie sind deshalb oft depressiv und haben Heimwehgefühle. Mehr als fünfzig Prozent der Menschen mit Nahtoderfahrung kommen in eine Trennung. Es heißt oft, der Partner sei nicht mehr derselbe, den sie geheiratet haben. Insgesamt ist es eine schöne Erfahrung, aber auch ein Trauma.

Haben Nahtoderfahrungen eine irgendwie messbare Grundlage?
PvL: Obwohl bei einer Nahtoderfahrung das Gehirn nicht mit Sauerstoff versorgt wird, haben Patienten diese außergewöhnlichen Erlebnisse. Das kann nur bedeuten, dass unser Bewusstsein nicht im Gehirn entsteht. Gegen diese Hypothese wehren sich allerdings viele meiner Kollegen, weil es nicht in ihr wissenschaftliches Konzept passt. Mehr als 95 Prozent der Wissenschaftler sind überzeugt, dass das Bewusstsein ein Produkt unseres Gehirns ist. Würde ihre Hypothese stimmen, wären Nahtoderfahrungen unmöglich. Wir sollten uns eingestehen, dass die Entstehung unseres Bewusstseins noch ein Rätsel ist. Und die Aufgabe der Wissenschaft ist es, Fragen zu stellen, offen zu sein, für neue Hypothesen. Dabei wissen wir noch so wenig. Wir wissen nicht, warum Bewusstsein entsteht, wir wissen nicht, woher es kommt. Wir müssen ganz neu nachdenken.

Vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte: Christoph Pfluger.

Quelle ©: Jahreskongress Spiraldynamik® 2016
Bildquelle ©: Pim van Lommel
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Website: www.spiraldynamik.com