Donnerstag, 1. Dezember 2016

Das konstruierte Hier und Jetzt!

Psychologen haben bei einem Patienten eine interessante Wahrnehmungsstörung entdeckt: Der betroffene Patient hört Menschen, bevor er sie sprechen sieht. Die britischen Forscher erkannten dadurch: Unser Gehirn besitzt mehrere unabhängige Timer, die unser JETZT synchronisieren bzw. erstellen.

"Es begann damit, dass ich meiner Tochter erklärte, ihr Fernseher im Wohnzimmer wäre nicht wirklich lippensynchron. Dann bemerkte ich, dass auch der in der Küche schlecht synchronisiert war. Plötzlich sah ich, dass die Stimme meiner Tochter ebenfalls nicht mit ihrer Lippenbewegung gleich lief. Da wurde mir klar: Es war nicht der Fernseher, ich war´s." so der 67-jährige Brite PH.

Der Patient der kurz als PH bezeichnet wird, schien nach einer Herzoperation plötzlich alles wie in einem schlechten Livestream wahrzunehmen. Und nicht nur das. Einige Wochen nach der OP hörte PH sogar sich selbst zuvor reden, ehe er die Kieferbewegungen dazu spürte. Wie der Wissenschaftszeitschrift "New Scientist" berichtet, ist das der derzeit einzige weltweit bekannte Fall  von einem Patienten, der die Stimmen von Menschen hört, bevor er ihre Lippenbewegungen wahrnimmt.

Die Synchronisation des "Jetzt" verloren
Hintergrund: Schall (also Töne und gesprochene Sätze) und Licht (sichtbare Aktionen) bewegen sich unterschiedlich schnell fort. Sehen wir jemanden sprechen, so erreicht der akustische Reiz unser Ohr und unser Gehirn zu einem anderen Zeitpunkt als der visuelle Reiz unser Auge. Normalerweise verarbeitet unser Gehirn Ton und Bewegung zu einem synchronen Bild (es gleicht die Zeitdifferenz zwischen Tonwahrnehmung und Gesehenem einfach aus). Wie genau unser Gehirn das macht, haben Neuro-Wissenschaftler bisher aber noch nicht herausgefunden.

Dabei ist auch unklar, warum dieser Vorgang in PHs Gehirn nicht mehr funktioniert. Vermutet wird: Dieser Effekt könnte vielleicht durch eine akute Pericarditis ausgelöst worden sein – das ist eine Entzündung des Herzbeutels – oder der Auslöser war die Herzoperation selbst. Die Gehirnscans von PH zeigten jedenfalls zwei Läsionen in bestimmten Gehirnarealen.(siehe Bilder rechts, Lesion 1 und Lesion 2). Diese geschädigten Bereiche spielen vermutlich eine Rolle für Hören, Timing und Bewegung. ...

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Das Experiment: Ga-ga, ba-ba, da-da
Freeman und Co. führten noch einen weiteren Test durch, der auf der sogenannten McGurk Illusion basiert. Die Grundlage des Tests beschreibt folgenden Effekt: Hören wir jemanden eine bestimmte Silbe sagen ("ga-ga"), währenddessen uns eine Person gezeigt wird, die mit ihren Lippen aber eine andere Silbe formt ("ba-ba"), so kombiniert unser Gehirn diese Silben miteinander und wir nehmen eine dritte, eine ganz andere Silbe wahr ("da-da") - siehe Video-Test. Widersprüchliche Informationen werden im Gehirn offenbar zu einem Kompromiss verarbeitet. (Anm.: Wir konstruieren uns eine Wirklichkeit!)

Um die Situation von Patient PH zu erforschen, führten Elliot Freeman von der City University London und seine Kollegen einen sogenannten Temporal-order-judgement-Test durch. Dabei zeigten sie PH Videoclips von sprechenden Personen und fragten ihn, was er zuerst wahrnimmt: Stimme oder Lippenbewegung? Auch im Labor hörte er die Stimme bevor er die Mundbewegung sah. Damit für PH das Bild mit dem Ton synchron schien, mussten die Wissenschaftler die Stimmen um ca. 200 Millisekunden (!!!) verzögern.

Unser "Jetzt" ist also nur ein Kompromiss
Freemans Theorie besagt: Es gibt nicht ein "Jetzt" es gibt mehrere, welche vom Gehirn als Ganzes erfasst und zusammengefügt werden. Vielmehr besitzen wir viele innere Uhren im Gehirn, die aus dem wahrgenommenen "Jetzt" einen relativen Mittelwert bilden das ist dann das JETZT das wir normalerweise als das einzige Jetzt wahrnehmen. Nur so können wir dann eine schlüssige Situation wahrnehmen.

Für den Patienten PH bedeutet das, dass eine oder mehrere solche Timer – als mögliche Folge der Gehirnläsionen beschädigt bzw. erheblich verlangsamt wurden und sich somit dieser Mittelwert nicht mehr ordnungsgemäß bilden lässt. Vermutlich ist dieser Unterschied im Timing von PHs Gehirn zu groß und macht sich deshalb in seiner Wahrnehmung derart bemerkbar.
Quelle: "Sight and sound out of synch: Fragmentation and renormalisation of audiovisual integration and subjective timing", Cortex (doi: 10.1016/j.cortex.2013.03.006/); 
LINK: http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0010945213000890