Dienstag, 14. Februar 2017

Das Gehirn blendet beim Optimisten Negatives aus

Das Gehirn notorischer Optimisten blendet Negativ-Informationen aus.
Positives Denken kann auch gefährlich werden!
Manche Menschen sind einfach hartnäckige Frohnaturen, deren positiver Blick in die Zukunft sich kaum erschüttern lässt. Was hinter dieser Lebenseinstellung steckt, haben nun Forscher genauer untersucht. Demnach passen Optimisten ihre Erwartung an die Zukunft nur dann an, wenn die Aussichten besser sind als sie dachten, negative Prognosen werden dagegen ignoriert(!). Das zeigen Tests in Kombination mit Hirnscans von 19 Probanden, die ein Team von Wissenschaftlern um Tali Sharot vom University College London durchgeführt hat. Die Forscher betonen in ihrer Studie auch die Zweiseitigkeit des positiven Denkens: Es lässt Menschen zwar fröhlicher durchs Leben gehen, extreme Optimisten neigen allerdings manchmal zu Leichtsinn und vernachlässigen Vorsichts- oder Vorsorgemaßnahmen. ... 
Um herauszufinden, wie Menschen ihren Blick in die Zukunft verändern, wenn sie neue Informationen erhalten, konfrontierten die Forscher die Probanden zunächst mit 80 möglichen negativen Lebensereignissen. Die Teilnehmer sollten beispielsweise einschätzen, wie wahrscheinlich es ist, eine Krebserkrankungen zu bekommen oder Opfer eines Raubüberfalls zu werden. Danach klärten die Forscher sie auf, was die tatsächliche statistische Wahrscheinlichkeit für diese Negativszenarien ist. Nach einer Pause sollten die Probanden nun erneut einschätzen, wie wahrscheinlich das jeweilige Negativ-Ereignis in ihrem Leben ist. Die Forscher dokumentierten nun, wie sich die Informationen von außen auf die persönliche Einschätzung bei den erneuten Fragen ausgewirkt haben.

Ergebnis: Manche Probanden passten ihre Einschätzungen nur dann an, wenn die objektive Wahrscheinlichkeit günstiger gewesen war als ihre eigene. War sie jedoch schlechter, änderten sie die Werte gar nicht oder nur geringfügig. Beispiel: Hatten sie ihre Wahrscheinlichkeit an Krebs zu erkranken bei der ersten Befragung bei 40 Prozent vermutet - während das statistische Risiko aber nur bei 30 Prozent liegt - sahen sie ihr persönliches Risiko bei der nächsten Befragung nur noch bei 32 Prozent. Vermittelten die Statistiken dagegen einen eher düsteren Blick in die Zukunft als die Probanden erwartet hatten, blieben sie bei ihrer positiven Sicht für das persönliche Risiko. Sie passten also ihre Einschätzung nur an, wenn wünschenswerte Informationen vorlagen.

Um auch Informationen über die Vorgänge im Gehirn bei diesem Effekt zu gewinnen, erfassten die Forscher die Gehirnaktivität der Probanden mittels Funktioneller Magnetresonanztomographie. Diese Messungen bestätigten das Ergebnis der psychologischen Tests: Waren die tatsächlichen Wahrscheinlichkeiten besser als die eigene Einschätzung, war die Aktivität deutlich höher als im umgekehrten Fall. Offenbar blendet das Gehirn der Optimisten Unangenehmes einfach aus, so die Schlussfolgerung der Forscher.

Hintergrund: „Denk positiv!“ Das ist einer der häufigsten Ratschläge. Zurecht, denn eine positive Grundeinstellung kann Studien zufolge tatsächlich Stress und Ängste abschwächen und fördert damit die geistige und körperliche Gesundheit. Tali Sharot und seinen Kollegen zufolge kann aber die Dosis den Optimismus wiederum zum Gift machen: Wer übertriebenermaßen Negativ-Informationen ausblendet, leugnet damit unter Umständen die Realität und ist in der Folge leichtsinnig, geben die Forscher zu bedenken.
Anm.: Zu positives Denken kann gefährlich werden, eine positive, emotionale Grundstimmung hingegen erleichtert unser Leben und hält uns gesund.
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Quelle: Tali Sharot (University College London) et al.: Nature Neuroscience, DOI: doi:10.1038/nn.2949