Donnerstag, 9. Februar 2017

Der freie Wille als Märchen des Gehirns

Immer wieder wird dieses Thema in unseren Seminaren angesprochen!

Auf einem schon etwas zurückliegenden Kongress der europäischen neurowissenschaftlichen Vereinigung, der in Berlin stattfand, wurde großes Geschütz aufgefahren: Jedes Gefühl, jeder Gedanke, jede Erinnerung und jede Absicht - darin sind sich die meisten Neurowissenschaftler einig - lasse sich auf feinorchestrierte elektrische und biochemische Impulse zurückführen.

Mehr noch: Diese Regungen in dem rund 100 Milliarden Nervenzellen umfassenden Netzwerk des menschlichen Gehirns lassen sich oft bis zu einer Sekunde früher nachweisen als sie der betreffenden Person bewusst werden. Dies rührt an den Grundfesten des menschlichen Selbstverständnisses. Der Berliner Hirnforscher Prof. Dr. Gerhard Roth ist daher davon überzeugt, dass wir von der Vorstellung, dass es einen freien Willen im traditionellen Sinne gibt, endgültig Abschied nehmen müssen." Zwar bestreitet niemand von den Forschern, dass der Mensch Handlungen planen und Alternativen abwägen könne. Ob, wie und wann wir dann aber schließlich handeln, bestimmen zum Großteil unbewusste Vorgänge im Gehirn. Und es zeigt sich, dass dieses Unbewusste eine viel größere Rolle spielt als bisher angenommen." ... 
Das Gehirn (das EGO-Bewusstsein) kann nach Ansicht vieler Forscher dem menschlichen Bewusstsein sogar das Gefühl vorgaukeln, autonom zu handeln, obwohl es manipuliert wurde. Mehrere Untersuchungen weisen darauf hin, dass man den freien Willen durch gezielte Stimulationen in diesem supplementär-motorischen Areal künstlich erzeugen kann," erklärt Dr. Roth in Berlin. Wenn man die richtige Stelle elektrisch reizt, heben die Leute beispielsweise ihren Arm und behaupten dann, sie hätten dies selbst gewollt(!)."

Anm.: Wir sind vor allem Wählende
Doch in fast allen Fällen können wir zwar nicht so frei entscheiden wie wir uns gerne vorstellen wollen, aber wir können aufkommende Handlungsimpulse stoppen. Wir können, wenn wir psychisch gesund sind, wählen ob wir einem Impuls oder Gedanken nachgeben wollen, oder die Handlung noch vor der Ausführung abstoppen. Wir haben immer die Wahl wie wir uns aufgrund eines Impulses entscheiden wollen. Gedanken (auch negative) lassen sich sogar mit etwas Mühe ganz abstoppen und so aus unseren Bewusstsein entfernen (siehe Gedankenstopp-Techniken).

Viele fragen sich: Was aber ist dann mit dem Gefühl, ein Ich zu sein?
Gibt es, sagen die Forscher. Es habe mit der Evolution vom Affen zum Menschen zu tun, während der die Großhirnrinde dramatisch zugenommen hat", erläutert der Neurobiologe Prof. Dr. Wolf Singer vom Frankfurter Max-Planck-Institut für Hirnforschung. Die hinzugekommenen Hirnabschnitte ermöglichen es dem Menschen unter anderem, Bilder und Szenen vor dem geistigen Auge ablaufen zu lassen und somit die eigenen Handlungen zu planen und die anderer Menschen abzuschätzen.
Quelle: Kongress der europäischen neurowissenschaftlichen Vereinigung
Quelle Anm.: IPN-Forschung
Bildquelle: Fotolia