Montag, 20. Februar 2017

Kann man in einer Zeitschleife gefangen sein, täglich das selbe erleben? Jeden Morgen von neuem? (Forschung)

Die wahren Abenteuer sind im Kopf, im Bewusstsein...

Unglaublich aber wahr - ein Mann lebt in einer Zeitschleife!
Ein solcher Fall war selbst Forschern bisher unbekannt: Ein 38-Jähriger Mann entwickelt nach einer normalen Wurzelbehandlung beim Zahnarzt eine Gedächtnisstörung, die ihn nach 90 Minuten alles Erfahrene wieder vergessen lässt. Und nicht nur das: Er wacht seit zehn Jahren jeden Morgen auf und glaubt, es wäre der Tag seines Zahnarzt-Termins. Was an Filme wie "Und täglich grüßt das Murmeltier" erinnert, ist für den Mann traurige Realität.

Wenn es nur einen Tag gibt!
Es gibt Fälle von Gedächtnisschwund. Aber so etwas?
Menschen, die sich nichts Neues mehr merken können, gibt es besonders nach Hirnschädigungen häufiger, (aber nach Zahnarztbesuchen?).

Ist beispielsweise der Hippocampus im Gehirn geschädigt, dann können die Betroffenen keine Erinnerungen mehr ins Langzeitgedächtnis übertragen. Nach wenigen Sekunden bis Minuten vergessen sie alles wieder. Doch Fälle, bei denen eine solche Störung des Gedächtnisses ohne manifestierte Hirnschäden auftritt, sind eher selten. ... 

So etwas haben wir noch nie zuvor gesehen 
Einen solchen Fall stellt Dr. Gerald Burgess von der University of Leicester vor - in der Hoffnung, von Kollegen oder möglichen weiteren Betroffenen etwas über ähnliche Fälle und deren mögliche Ursache zu erfahren (und eventuell Abhilfe zu schaffen). "Wir haben so etwas noch nie zuvor gesehen und wissen schlicht nicht, was wir weiter tun sollen", so der Neurologe.

Hintergrund: Die Geschichte beginnt im März 2005 - der 38-jährige Mann ging damals zu einem Termin beim Zahnarzt, um sich einer Wurzelbehandlung zu unterziehen. Er bekam eine Lokalanästhesie und nach einer Stunde war die Behandlung abgeschlossen. Doch der Patient war blass, benommen, konnte nicht selbst aufstehen und sprach langsam und verwaschen. Er wurde ins Krankenhaus eingeliefert, ohne dass dort jedoch ein körperliches Leiden oder eine Auffälligkeit am Gehirn festgestellt werden konnte. (Anm.: Obwohl es gerne bestritten wird, Narkosen können doch große Probleme machen, besonders bei älteren Menschen.)

Er kann sich Dinge nur noch kurz merken - nach 90 Minuten ist einfach Schluss 
Nach einigen Stunden zeigte sich, dass der Mann unter einer anterograden Amnesie leidet: Er kann sich seither Dinge nur noch rund 90 Minuten lang merken. "Er kann durchaus Neues lernen, aber wenn diese Informationen nicht innerhalb dieser Zeitspanne rekapituliert werden, verliert er sie für immer", erklärt Burgess. "Seinen Alltag bewältigt der Patient seither nur noch mit Hilfe von ständigem Nachschauen in einem elektronischen Tagebuch und Notizen."

Hippokampus!
Bekannt ist: Bei Fällen ähnlicher Amnesie ist oft der Hippocampus geschädigt oder zerstört - nicht so bei diesem Patienten.

Das Seltsame an diesem Fall ist: Diese 90 Minuten Zeitspanne ist eigentlich viel zu lang. Denn wenn die Übertragung von Informationen vom Arbeitsgedächtnis an das Langzeitgedächtnis nicht funktioniert, müsste die Merkspanne nur wenige Sekunden bis Minuten anhalten(!).

Hinzu kommt noch: Patienten mit solchen Gedächtnisstörungen können sich normalerweise zwar keine expliziten Informationen mehr merken, aber sehr wohl noch neue Bewegungsabläufe und andere implizite Fertigkeiten erlernen - nicht jedoch dieser spezielle Patient.

In einer Zeitschleife gefangen - immer wieder im gleichen Tag gefangen sein.
Das Seltsamste dabei: Der Mann scheint wie in einer Zeitschleife gefangen zu sein, in jeder Nacht wird alles, was er am Tag zuvor erlebt hat, ausgelöscht. "Jeden Morgen denkt er, es wäre der Tag seines Zahnarzt-Termins", berichtet Dr. Burgess. "Er weiß sehr wohl, wer er ist und kennt seine Familienmitglieder, aber er erwartet, dass jeder noch das Alter hat, das er im März 2005 hatte."
Ebenso auffallend ist, dass der Patient sich in zwei Ausnahmefällen Dinge länger merken konnte: Er weiß, dass sein Vater gestorben ist, obwohl dies kurz nach Beginn seiner Amnesie geschah. Und er konnte sich die Geburt des Kindes eines engen Verwandten immerhin 24 Stunden lang merken, bevor er auch das wieder vergaß.

Die Ursache für das Zeitschleifen-Erlebnis ist noch rätselhaft 
Die behandelnden Neurologen stehen vor einem Rätsel, denn weder im Gehirn des Mannes noch in seiner Vorgeschichte lassen sich Hinweise auf eine körperliche oder psychische Ursache dieser Amnesie finden. "Ohne bilaterale Schäden am Hippocampus oder dem Diencephalon, die normalerweise solche schweren Amnesien hervorrufen, können wir über die Ursachen dieses Falles nur spekulieren." Man weiß einfach NICHT weiter! Einen Zusammenhang mit der Wurzelbehandlung und der Lokalanästhesie können die Wissenschaftler zwar nicht ausschließen. "Der Behandlung die Schuld zu geben, wäre an diesem Punkt unethisch und eine grundlose Panikmache - es gibt einfach nicht genügend Belege", betont Burgess. "Ich denke, der wahre Grund liegt anderswo."

Überlegungen: Eine mögliche Erklärung für das Phänomen wäre ein Fehler in der Synthese der Proteine, die für den Umbau der Synapsen im Gehirn und damit für das permanente Speichern der Erinnerungen im Langzeitgedächtnis gebraucht werden. "Die 90-Minuten-Zeitspanne bei diesem Patienten stimmt gut mit der Zeit überein, zu der diese Proteinsynthese stattfindet", sagt Dr. Burgess. "Hinzu kommt, dass ein solcher Fehler sowohl das episodische als auch das prozedurale Gedächtnis stören könnte - und das ist bei diesem Patienten der Fall." Aber auch das ist im Moment nicht viel mehr als eine reine Hypothese, wie die Forscher betonen. Es bleibt rätselhaft!

Hoffnung: Die behandelnden Ärzte hoffen nun -da sie mit dem Fall an die Öffentlichkeit gingen-, dass sich nach der Vorstellung dieses Falles Personen oder Ärzte melden, die ähnliche Fälle kennen. Hilfreich wären Kollegen, die zur Aufklärung dieses unheimlichen Falles beitragen können! 
Quellen: Neurocase - The Neural Basis of Cognition,1/2015b;doi: 10.1080/13554794.2015.1046885/University of Leicester, 15.07.2015 - NPO/; u.a.
Bildquelle: Fotolia
Link: http://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/13554794.2015.1046885