Mittwoch, 8. März 2017

Die Persönlichkeit ändert sich im hohen Alter stärker als bisher angenommen (Forschung)

Im hohen Alter verändert sich nach den neuen Erkenntnissen einer deutsch-amerikanischen Untersuchung die Persönlichkeit der Menschen noch einmal ähnlich stark wie im jungen Erwachsenenalter.
Das ist eines der zentralen Ergebnisse einer Studie auf Basis der Langzeitstudien „Sozio-oekonomisches Panel“ (SOEP) und „Household Income and Labour Dynamics in Australia“ Survey (HILDA Survey). „Unsere Studie widerlegt die unter Psychologen vorherrschende Ansicht, dass sich die Persönlichkeit im Laufe des Lebens immer stärker stabilisiert“, sagt die Psychologin Jule Specht von der Freien Universität Berlin, eine der Autorinnen und Autoren. (Die Untersuchung wurde kürzlich auch im renommierten Journal of Personality and Social Psychology und als SOEPpaper 687 veröffentlicht.)

Eine groß angelegte Studie!
Für ihre Untersuchung hatten Jule Specht von der Freien Universität Berlin und Maike Luhmann von der Universität zu Köln sowie Christian Geiser von der US-amerikanischen Utah State University die Angaben von insgesamt mehr als 23.000 Menschen analysiert, die von 2005 bis 2009 befragt worden waren.

Die bevölkerungsrepräsentativen Daten zeigen den Wissenschaftlern zufolge, dass sich im jungen Erwachsenenalter bis zum Alter von 30 Jahren ebenso wie im Alter ab etwa 70 Jahren die Persönlichkeit der Menschen so stark ändert, wie in keiner anderen Lebensphase(!).

40% der jungen Deutschen und Österreicher haben eine unterkontrollierte Persönlichkeit
Im jungen Erwachsenenalter verändern sich demnach vor allem Menschen, die dem sogenannten unterkontrollierten Persönlichkeitstyp zugeordnet werden können. Diese zeichnen sich durch eine geringe Verträglichkeit und eine geringe Gewissenhaftigkeit aus. „Etwa 40 Prozent der jungen Erwachsenen in Deutschland haben eine unterkontrollierte Persönlichkeit“, sagt Jule Specht. „Ab einem Alter von etwa 30 Jahren reifen aber viele dieser jungen Rebellen zu resilienten Persönlichkeiten heran.“ Solche resilienten Menschen seien leistungsfähig, hätten ein hohes Selbstwertgefühl und litten nur selten unter psychischen Problemen, betont die Wissenschaftlerin. „Ihre Persönlichkeit ist im Allgemeinen stabiler als die von unter- oder überkontrollierten Männern und Frauen.“  ...

Im Alter von 30 Jahren zählen der Studie zufolge nur noch etwa 20 Prozent der Menschen in Deutschland zu dem unterkontrollierten Persönlichkeitstyp, etwa 50 Prozent gehören dann zum resilienten Persönlichkeitstyp, das heißt, sie sind Herausforderungen des Lebens gegenüber widerstandsfähig.

Ein überraschendes Ergebnis!
Überrascht hat die Forschenden, dass sich die Persönlichkeit im hohen Alter noch einmal stark verändert: Bis zu 25 Prozent der Menschen eines Persönlichkeitstyps ändern sich nach einem Alter von 70 Jahren noch einmal beträchtlich. „Anders als bei den jungen Erwachsenen folgen die Persönlichkeitsveränderungen bei den Senioren jedoch keinem typischen Reifungsmuster“ mehr, sagt Jule Specht. Vielmehr beobachteten die Psychologinnen und Psychologen im Untersuchungszeitraum von vier Jahren eine große Bandbreite von Persönlichkeitsveränderungen.

Anm.: Oft werden ältere Menschen aggressiv, ausfallend und benehmen sich daneben. Ein Verhalten das sie in jüngeren Jahren nicht, oder nur ganz selten gezeigt haben. Sogar gewalttätiges Verhalten kann mitunter auftreten. Siehe z.B. Wut-Radlerin (70) zerkratzte 31 Fahrzeuge (Autos) solche Beispiele gibt es viele.

Die Frage nach dem Warum
Warum sich bei alten Menschen die Persönlichkeit so stark und divers entwickelt, darüber können die Forschenden bisher nur mutmaßen. Einige der möglichen Erklärungen dafür können sie jedoch bereits ausschließen. „Gesundheitsveränderungen, Großelternschaft und Renteneintritt scheinen eine überraschend kleine Rolle dabei zu spielen“, konstatiert Jule Specht. Derzeit untersucht sie, ob Veränderungen im Alltag der Senioren oder ob eine veränderte Einstellung zum Leben die Persönlichkeitsveränderungen auslösen.

Anmerkung:
Die plausibelste Erklärung zu diesen Untersuchungsergebnissen ist die Tatsache, dass sich mit zunehmendem Alter die gute Vernetzung des Frontalhirns (Stirnhirn) wieder langsam aufzulösen beginnt. Die Frontalhirnaktivität nimmt, je älter wir werden mehr und mehr (messbar) ab. Im Kindesalter bis hin nach Ende der Pubertät- manchmal sogar bis zum 25- bis 30. Lebensjahr - wird das Frontalhirn mit den älteren für Emotionsverarbeitung zuständigen Hirnarealen vernetzt. Dieser wichtige Hirnbereich ist auch Sitz der höheren ICH-Funktionen. Dieser Hirnbereich soll uns u.a. daran hindern asoziale, aggressive unkontrollierte Taten auszuführen und negative Gedankengänge schon beim Entstehen abzuweisen. Dieser Hinrbereich enthält den Teil des Geistes, der uns in die Lage versetzt -wenn er gut aktiv ist- moralisches zu handeln und Mitgefühl mit anderen zu erleben. Dieser Hirnbereich ist vereinfacht gesagt, auch für die richtige Verarbeitung von Emotionen zuständig. Untersuchungen an psychopatisch veranlagten Personen zeigten, dass diese Personen schlecht aktive, schlecht vernetzte Frontalhirnbereiche aufwiesen (siehe Bericht).
Aus Untersuchungen an älteren Menschen weiß man, dass durch das Altern die Frontalhirnvernetzung und auch deren Aktivität im Laufe der Zeit abnimmt. Dies könnte auch ein Auslöser für die Veränderung der Persönlichkeit im Alter sein.

TIPP: Regelmäßiges Frontalhirntraining durch den Neurostimulator (Whisper) verhindert im Normalfall das Abbauen der Frontalhinvernetzung und den Verlust der guten hirnelektrischen Aktivität. Doch damit das Verfahren greift, sollte man so früh wie möglich und regelmäßig mit dem Whisper trainieren. (Quelle der Anmerkung: IPN-Forschung/Eggetsberger)

STICHWORT SOEP:
Das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) ist die größte und am längsten laufende multidisziplinäre Langzeitstudie in Deutschland. Das SOEP ist am DIW Berlin angesiedelt und wird als Teil der Forschungsinfrastruktur in Deutschland unter dem Dach der Leibniz-Gemeinschaft (WGL) von Bund und Ländern gefördert. Für das SOEP werden seit 1984 jedes Jahr vom Umfrageinstitut TNS Infratest Sozialforschung mehrere tausend Menschen befragt. Zurzeit sind es etwa 30.000 Befragte in etwa 15.000 Haushalten. Die Daten des SOEP geben unter anderem Auskunft über Einkommen, Erwerbstätigkeit, Bildung, Gesundheit und Lebenszufriedenheit. Weil in jedem Jahr dieselben Personen befragt werden, können nicht nur langfristige gesellschaftliche Trends besonders gut analysiert werden, sondern auch die gruppenspezifische Entwicklung von Lebensläufen.
QUELLE: Monika Wimmer Pressestelle, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung DIW Berlin
BILDQUELLEN: unbekannt! und Fotolia/GordonGrand/
QUELLE ANM.: IPN-Forschung und Zeitung HEUTE
DIE STUDIE: Specht, J., Luhmann, M., & Geiser, C. (2014). On the consistency of personality types across adulthood: Latent profile analyses in two large-scale panel studies. Journal of Personality and Social Psychology, 107, 540-556.
LINK: http://dx.doi.org/10.1037/a0036863
On the Consistency of Personality Types Across Adulthood: Latent Profile Analysis in Two Large-Scale Panel Studies, Jule Specht, Maike Luhmann, Christian Geiser, SOEPpapers 687
PDF: http://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.483089.de/diw_sp0687.pdf
KONTAKT: Prof. Dr. Jule Specht, (jule.specht@fu-berlin.de)
Weitere Informationen: http://dx.doi.org/10.1037/a0036863 = Link zur Studie