Donnerstag, 13. September 2012

Der unbewusst ausgelöste Placebo-Effekt

Im Grunde ist der Placebo-Effekt schnell erklärt: Statt einer "echten" Medizin bekommt ein Patient eine wirkungslose Substanz, aber dennoch bessert sich der Gesundheitszustand. US-Forscher haben nun nachgewiesen, dass diese Wirkung auch dann eintritt, wenn sie unbewusst ausgelöst wird.

Placebo-Effekt unbewusst ausgelöst 
Der Placebo-Effekt kann demnach nicht ausschließlich auf die Erwartungshaltung der Patienten zurückgeführt werden, offenbar gebe es Mechanismen, die am Bewusstsein vorbei gehen, schreiben Karin Jensen von der Harvard Medical School und ihre Kollegen.

Unbewusster Einfluss festgestellt
Bis in das Jahr 1885 reichen Versuche von Wissenschaftlern zurück, den Einfluss von unbewussten Prozessen auf die Wahrnehmung des Menschen zu erfassen. Damals veröffentlichten Charles Sanders Peirce und Joseph Jastrow ihre Studie "On Small Differences in Sensation" und stellten die Frage, zu welchem Teil unsere Wahrnehmung durch unbewusste Mechanismen gesteuert wird.

Seit damals sind zahlreiche Studien erschienen, die den Einfluss des Unbewussten zu erfassen versuchen - als Beispiel musste auch immer wieder der Placebo-Effekt herhalten, schließlich erzielt dabei eine an sich wirkungslose Substanz einen messbaren Effekt, vermittelt offenbar über die feste Erwartung des Patienten, dass Besserung eintreten werde.

Unerwarteter Effekt im Experiment
Karin Jensen und ihre Kollegen wollten mit ihrer Studie das Verständnis des Placebo-Effekts um ein spannendes Element erweitern: jenes der unbewussten Aktivierung. Um ihre Hypothese, dass es für den Effekt keine bewusste Erwartung brauche, zu überprüfen, führten sie zwei Experimente durch: Im ersten Versuch wurde eine Hitzequelle am Arm von insgesamt 40 Versuchspersonen fixiert und ihnen wurden Bilder von zwei verschiedenen Männern gezeigt. Beim einen Bild war die Metallplatte kühler, beim anderen heißer.

Danach sollten die Probanden auf einer Skala von eins bis 100 bewerten, wie schmerzhaft die verspürte Hitze ist. Bei jeder vorgeblichen Temperaturänderung - in Wirklichkeit war das Metall immer gleich warm - wechselte das gezeigte Bild. Die Bewertungen der Versuchspersonen entsprachen ihrer Erfahrung: Die Temperatur, die gleichzeitig mit dem mit Hitze assoziierten Bild gefühlt wurde, wurde als schmerzhafter bewertet als die Wärme mit dem "kühleren" Gesicht.

Im zweiten Experiment sollte nun überprüft werden, ob der Hitzeeffekt auch unbewusst auftritt. Dazu legten die Forscher wieder die Hitzequelle am Arm der Versuchspersonen an, zeigten ihnen die Bilder aber nur für die Dauer von wenigen Millisekunden - zu kurz für eine bewusste Wahrnehmung. Dennoch war die Intensität der Schmerzen gleich stark gestreut wie beim bewussten Ansehen der Bilder.

Das Unterbewusstsein hat diesen Placebo-Effekt ausgelöst, schreiben die Forscher, aber nicht ohne den großen Begriff Unterbewusstsein auf einige Gehirnregionen herunterzubrechen: Das zum Großhirn gehörende Striatum und die Amygdala, der Mandelkern, werden aktiv, wenn es um die Verarbeitung subliminaler Reize geht. Sie lösen demnach einen Placebo-Effekt aus, ohne dass ihn die Versuchspersonen erwarten.

Anwendung für die klinische Praxis
Die Ergebnisse könnten die Anwendung des Placebo-Effekts in der medizinischen Praxis grundlegend verändern. Die unbewusste Wirkung könnte in die Behandlung von Schmerzen, Asthma, Depressionen und Magenbeschwerden integriert werden, um Beschwerden zu lindern. "Entscheidend ist offenbar nicht, was die Patienten erwarten, sondern was vom Unterbewusstsein weitergegeben wird", fasst ein Co-Autor der aktuellen Studie, Ted Kaptchuk, zusammen. Er spricht davon, dass die Studie den Weg zu einem neuen Medizin- und Therapieverständnis geebnet habe - dem allerdings die Übersetzung in die klinische Praxis noch bevor steht.
Quelle: "Nonconscious activation of placebo and nocebo pain responses" erscheint zwischen 10. und 15. September 2012 in den "Proceedings of the National Academy of Sciences" (doi:10.1073/pnas.1202056109).
LINK: http://www.pnas.org/content/early/2012/08/31/1202056109
Korrespondenzautor - E-mail: karinj@nmr.mgh.harvard.ed